|
Der Retter der ,,Swatbunten"
Osnabrücker Zeitung, von Tobias Böckermann
11.12.2000
Wengsel - Die einen nannten ihn einen ,,Spinner", andere kauften bevorzugt bei ihm ihren Sonntagsbraten. Gerhard Schulte-Bernd hat im Alleingang das ,,Bunte Bentheimer Schwein" auf seinem Hof in Wengsel in der Grafschaft Bentheim vor dem Aussterben gerettet, und das seit mehr als 20 Jahren ohne Tiermehl.
,,Sehen Sie hier die Zutatenliste", zeigt der 70-Jährige gerne seine Futtersäcke. ,,Weizen, Gerste, Soja, Vitamine - aber keine Spur von Tiermehl." Seit dem Auftauchen der ersten beiden deutschen BSE-Rinder fühlt sich Bauer Schulte-Bernd noch mehr in seiner Art von Landwirtschaft bestätigt. Tiermehl gehört für ihn nicht ins Futter. ,,Ich habe mir das vor Jahren mal angeschaut, was da im Fleischwolf zerhackt und zu Pulver zermahlen wird, und glauben Sie mir, das gehört wirklich nicht in die Nahrungskette. Kranke Tiere, gerade noch mit Antibiotika behandelt, Tiere, deren Todesursache man nicht kennt, Haustiere. Für meine Schweine ist das nichts." Gerhard Schulte-Bernd kann mit Fug und Recht von ,,seinen" Schweinen sprechen. Mit 18 Jahren war er Mitgründer des Vereins ,,Schwarz-weißes Bentheimer Schwein", begann schon 1950 mit der Zucht dieser robusten Rasse, die das Produkt jahrzehntelanger züchterischer Bemühungen der Landwirte im Raum Bentheim, Emsland und Cloppenburg darstellte. Keine zehn Jahre später hatte sich das Interesse der Verbraucher aber bereits dem ,,Magerfleisch" zugewandt, und die etwas fetteren ,,Swatbunten" wollte niemand mehr. Das Zuchtbuch wurde geschlossen, alle Züchter gaben ihre Bestände ab, nur Gerhard Schulte-Bernd nicht. ,,Ich war eben ein Dickkopf" sagt er heute.
Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte der Landwirt das Bunte Bentheimer Schwein auf eigene Faust stetig weiter und achtete dabei immer auf den Geschmack des Fleisches, aber auch auf die Robustheit der Tiere. Heute brauchen seine Schweine ,,weder hochtechnisierte Ställe oder Wachstumsförderer noch Antibiotika oder sonstige Medikamente", berichtet er stolz. Auch die Ferkel brauchten weder Stallheizung noch Rotlicht zur Aufzucht. ,,Ich esse Gesundfleisch von gesunden Tieren und bin deshalb noch so fit", sagt Schulte-Bernd.
Vor knapp 20 Jahren wurden Wissenschaftler auf die Zuchterfolge des hartnäckigen Landwirtes aus der Grafschaft Bentheim aufmerksam, und in verschiedenen Untersuchungen stellten sie fest, dass die Bunten Bentheimer Schweine eine ,,sehr gute Fleischqualität" besitzen, trotz oder gerade wegen des etwas erhöhten Fettanteils. Das Institut für Tierzucht und Haustiergenetik in Göttingen hat Schulte-Bernds Schweinen ,,Stressresistenz und Langlebigkeit" bescheinigt und sie damit auch wieder für die konventionelle Schweinezucht interessant gemacht. Da nämlich hat man gerade mit der Stressanfälligkeit der Hybridschweine zu kämpfen. Ab und zu wurden die ,,Bunten Bentheimer" auch schon in Hochleistungsrassen eingekreuzt, um Fehlentwicklungen auszugleichen. Trotz der unter Wissenschaftlern unbestritten positiven Eigenschaften ist das ,,Bunte Bentheimer" immer noch vergleichsweise selten. Rund 100 Zuchtsauen stehen in Ställen in ganz Deutschland, nach Ansicht von Fachleuten müssten es 5000 sein, um endgültig von einer nicht mehr bedrohten Haustierrasse zu sprechen.
Für Schulte-Bernd ist der späte Erfolg seiner Zucht eine logische Folge aus dem wachsenden Bewusstsein der Bevölkerung für eine natürlichere und ökologischere Lebensweise. Der frühere niedersächsische Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Karl-Heinz Funke hat ihn für sein Lebenswerk im Bereich der Tierzucht mit einer Goldplakette ausgezeichnet. Schulte-Bernd hält seine Schweine für einen von mehreren möglichen Auswegen aus der Massentierhaltung. ,,Voraussetzung dafür ist aber die Bereitschaft der Verbraucher, für Fleisch von ausgezeichneter Beschaffenheit und sehr gutem Geschmack höhere Preise zu bezahlen. Wäre dieses Bewusstsein schon länger vorhanden, gäbe es BSE vielleicht gar nicht."
|